Der Fund des Schwarzenauer Münzschatzes

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In Wittgenstein gab es nur wenige Münzfunde, die aber allesamt durch den Schatzfund von Schwarzenau in den Schatten gestellt wurden.

Es war im Dezember des Jahres 1747, Bauern aus Alertshausen waren mit ihren Helfern in Frondiensten unterwegs. Sie hatten Holz zur Domäne in Schwarzenau zu liefern. Wie der Chronist Johann Daniel Scheffer schriftlich festhielt blieb ihr Wagen im Morast des Weges stecken. Als sie diesen wieder flott gemacht hatten, entdeckten sie an einem Rad des Wagens Münzen, die am Schlamm festklebten. Bei der Suche nach der Herkunft der Silbermünzen wurden sie auf einen zerbrochenen Tontopf aufmerksam, in dem sich weitere Silbermünzen befanden.

Sie sammelten den Münzschatz, der vier Brotsäcke gefüllt haben sollen, ein und vereinbarten Stillschweigen hierüber, da sie sonst den Fund an das Schloss Wittgenstein / Laasphe hätten abgeben müssen. Ihr Tun war aber nicht verborgen geblieben. Kinder aus der Nachbarschaft fanden ebenfalls Münzen und lasen dies auf. Deren Väter hatten allerdings Angst diese zu behalten und gaben eine „große Anzahl“ der Fundstücke bei dem gräflichen Beamten, Bergmeister Strohmeyer, ab.                                                                                                             

Auch der Schultheiß Krämer aus Schwarzenau gab 2 Münzen ab.

Nach Bekanntwerden des Fundes beauftragte die gräfliche Kanzlei den Bergmeister Strohmeyer die Fundstelle abzusichern und weitere Nachgrabungen zu verhindern.   Als Hauptpersonen wurden aber an diesem Tage vier Alertshäuser genannt, die nach Aufforderung bei der Kanzlei ihre Münzen abgaben. Auffallend war allerdings, dass ihre Aussagen sich bei den Einzelverhören stark entsprachen, man konnte davon ausgehen, dass sie sich hierüber gut abgesprochen hatten.

Als erster der Alertshäuser soll der Hermann Benner auf „ausdrückliche Ermahnung“ auch ja nichts zurückzubehalten seinen Fund abgegeben haben. Nach seiner Aussage stellt er den Fund folgendermaßen dar: Sie hätten zu sechst Holz zum (gräflichen) „Hoff“ gefahren. Dabei seien ihnen am Zaun der Witwe Heinemann (zu dieser Zeit Verwalterin auf dem Hoff) Münzen aufgefallen, die an einem Rad klebten. Diese und weitere, die auf dem Weg lagen, hätten sie aufgelesen, bevor der Forstverwalter Walter weitere Nachsuche mit der Androhung von Stockschlägen verhinderte. Die gleichen Aussagen wurden auch von den anderen Teilnehmern der Fahrt: Christian Benner, Heinrich Pfeil, der auch für seinen Bruder Johann Münzen ablieferte, und Daniel Benner gemacht. Johann Diehl und Jost Bätzel, die nicht erschienen waren, wurden für den nächsten Tag vorgeladen, wo sich Diehl auch meldete, für Bätzel aber dessen Schwester Anna Magarethe erschien. Etwas Neues ergibt sich aber aus ihren Aussagen nicht.

Die ersten Ergebnisse scheinen für die Kanzlei aber zu gering gewesen zu sein, denn es folgen nun noch eine ganze Reihe von Berichten und Verhören, die manches ergänzen, aber auch verwirrendes ergeben. So berichtete zum Beispiel Forstverwalter Walter er habe auf dem Weg zum Wald 8 (!?) Männer getroffen, die ihm Münzen vorwiesen, die er aber nicht als Silbergeld erkannt haben will. Daraufhin habe er die Leute gewarnt und sei weitergegangen. Bei seiner Rückkehr hätten dann drei Mädchen, Kinder der Frau Heinemann und des Schusters Braun an der Stelle gehackt und ebenfalls Münzen gefunden.

Als wesentlich aktiver war nun Strohmeyer, der im Dorf nun alle möglichen Aussagen sammelte. Die Alertshäuser sollen eine Stunde lang gesucht haben und später in Berleburg beim Kaufmann Scheffer das Silbergeld gegen 4 Reichstaler gewechselt haben und dass kölnische Salzfuhrleute dasselbe aus Hatzfeld berichtet hätten.

Der Kaufmann Scheffer aus Berleburg stellte sich bei Nachfrage unwissend. Er gab an kein Geld gewechselt zu haben. Er kenne die Leute nicht, die bei ihm für das gefundene Geld eingekauft hätten, es seien arme Kinder aus Schwarzenau gewesen. Sie hätten auch nicht gewechselt, sondern gekauft und zwar habe er pro Münze 6 Kreuzer vergütet. Er stellte im Gegensatz zu anderen Aussagen alles so dar, als habe er nur unwillig und nur wegen der Armut der Leute das Silber angenommen. Dabei bleibt es, Scheffer war in Berleburg ein angesehener Mann, er wird nicht zu weiteren Aussagen ermahnt.

Im Verlaufe der Vernehmungen wurde eine Vielzahl von „Zeugen“ vorgeladen und befragt, wodurch der gesamte Vorgang sehr in die Länge gezogen wurde, da auch völlig unbeteiligte Personen darunter waren.

Letztlich konnte man die Akte nur noch schließen, weil keine weitere Aussicht auf Ablieferung mehr bestand.

Immerhin waren insgesamt 176 unversehrte und 43 zerbrochene Münzen eingegangen. Dazu kamen noch 26 Geldstücke, die Scheffer in Besitz hatte. Aber es ist wohl keine Frage, dass die Alertshäuser noch genug für sich behalten haben. Gerade ihre Ablieferungsquote ist recht niedrig, wenn man die Behauptung, sie hätten Brotsäcke voll gesammelt, dagegenhält. Da sie untereinander einig waren und auch ein Teil der gräflichen Beamten nicht ganz korrekt gehandelt hatte und deshalb auf eine vollständige Klärung keinen besonderen Wert legten, gingen die Alertshäuser Fuhrleute als Sieger aus der Angelegenheit hervor.

Was mit den Münzen geschehen ist bleibt weiter im Dunklen. Lediglich ein Aktenvermerk wonach 12 Münzen an einen Freund des Grafen, den preußischen Hauptmann von Arnim verschenkt worden sein sollen, gibt über einen kleinen Teil Aufschluss.

Heute wäre es natürlich von großem Interesse zu wissen, um welche Münzen und aus welcher Zeit es sich bei den Fundstücken handelte. Da leider keine der Silbermünzen aufbewahrt wurde, kann man nur versuchen mit der Beschreibung ein wenig weiterzukommen.

Die Münzen wurden in folgendem Wortlaut beschrieben:

Bestehend aus „sehr alten gantz dünnen (Silber) ungefehr eines Batzen Stücks groß, zum Theil mit der Präg eines Mannes und Weibes Kopffs, Teils mit eines Weibes Kopff allein zwischen 2 Thürmen, Theils aber mit dergleichen Kopff zwischen Zwey Kleinen Schilden, ferners mit einem Kopff, wobei ein altes Schloß mit Thürmen und weiter etlichen mit Bloßem Löwen, sodann 10 dergleichen in der Mitte durchgeschnitten, nebst noch von dieser Müntz sorte abgebrochen 3 Kleine Stückger, weniger nicht (als) 31 Stück ungefehr eines Heßen Groschen groß, alte geistliche silber Müntz, nebst 2 Zerbrochenen Stückger von dergleichen …“

Diese Münzen haben zusammen ein Gewicht von „4 Loth 1 quent“. Später wird eine weitere Münze beschrieben: „Ein Stück wie ein kleiner Kreuzer, aber nochmal so dick, auf der einen Seite „einen alten Kopf, auf der anderen aber ein Creutz habend“

Auffallen ist, dass nur bei der zuletzt beschriebenen Münze von zwei Prägungen auf Vorder- und Rückseite gesprochen wird, sonst immer nur von einer. Da außerdem erwähnt wird die Geldstücke seien sehr dünn, ist anzunehmen, dass es sich hier um sogenannte Brakteaten handelt, Münzen aus Silberblech, die daher nur eine Prägung aufweisen konnten, wodurch das Bild auf der einen Seite scharf eingeprägt ist, auf der anderen Seite erhaben, aber unscharf hervortritt.

Damit erfährt der Münzfund eine Bedeutung, die über den Rahmen der „Story“ seiner Entdeckung weit hinausgeht. Brakteaten – der Name kommt von dem lateinischen Wort „bractea“=dünnes Metallblech – wurden in Deutschland vom 12. – 14. Jahrhundert geprägt; vor allem in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts waren sie hier die wichtigste Geldsorte.

Da es sich um sehr große Münzen (mit Durchmesser bis zu 5 cm) handelte, die in Treibtechnik mit einem Stempel geschlagen und anschließend mit der Schere rund oder auch eckig zugeschnitten wurden, war die Möglichkeit gegeben die Münzen mit Bildern verschiedener Art zu versehen. Das bestätigen die vorgenannten Beschreibungen voll und ganz.

Hierzu wurde, schon in den 1960er Jahren, Professor Berghaus aus Münster konsultiert, der den Fund als außergewöhnlich interessant beurteilte und die Vermutung äußerte, dass es sich wahrscheinlich um vorwiegend hessische Brakteaten aus der Mitte des 13. Jahrhunderts gehandelt habe.

Der gesamte vergrabene Schatz wirft Fragen auf, die nur schwerlich zu beantworten sind:

  • Schwarzenau war in der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts stark geschrumpft, es hatte wohl nur noch, neben dem gräflichen Hof, ein bis zwei größere Höfe und war zu Beginn des 18. Jahrhunderts erst dabei sich wieder zu erholen (man beachte hierzu die den Zuzug der Glaubensflüchtlinge). Wer hat wann die Münzen vergraben?
  • Wäre der Gedanke, dass in den Kriegszeiten, etwa des 30-jährigen Krieges oder der Kriege zuvor, der Schatz vergraben wurde, eine mögliche Erklärung?
  • Der Schatz war wohl vor sehr langer Zeit vergraben worden. Vielleicht schon, als die Brakteaten noch gültig waren?
  • Der Schuster Braun hatte die Aussage getroffen, dass es sich um eine Brandstelle handelte. Hat er tatsächlich eine entsprechende Farbveränderung des Bodens bemerkt oder war das nur eine Vermutung?
  • Die abgegeben rund 200 Münzen sind wohl nur die Spitze des Eisberges. Wie viele Münzen waren es wohl insgesamt?

Auch der Ort des Fundes ist von Interesse. Hier kommt man schon weiter. Frau Heinemann wird als Hausbesitzerin ausgewiesen. Ihr verstorbener Mann Johann Röttger Heinemann war nach den Einwohnerlisten von Schwarzenau Verwalter, vermutlich am gräflichen Hof. Das von ihr bewohnte Haus ist nach 1732 an die Familie Heinemann gekommen, es handelte sich um einen Kanonhof, dessen Kanon 2 betrug.

Wo hat nun dieses Haus gestanden? Noch heute gibt es im Hüttental den Hausnamen Heinemann. Allerdings tauchte der Name 1743 drei Mal in Schwarzenau auf, zwei Hausbesitzer und einem Beisitzer (ohne Haus). Wenn man die Beschreibungen der Akte zu Grund legt, dann kommt als Fundort nur die unmittelbare Nähe des heutigen Herrenhauses (erbaut 1787 / 88) in Frage.

Neben dem Schwarzenauer Fund der Silbermünzen gab es nur zwei weitere Münzfunde im Kreis Wittgenstein. Beide bei Bauarbeiten in/an Kirchen:                                                              35 Münzen wurden 1765 bei Fundamentgrabungen der heutigen Kirche von Weidenhausen gefunden, die an der gleichen Stelle, wie die Vorgängerkirche gebaut wurde.                            In der Feudinger Kirche war es wohl Kollektengeld, welches vermutlich durch die Ritzen der Fußbodenbretter gefallen war.